Workism: Du bist nicht dein Job!

Haben Sie auch schon von „Workism“ gehört? Nein? Dann kann ich Sie erst mal beruhigen, dass Sie keinen neuen HR-Trend verpasst haben. Naja so halb zumindest.

Das erste mal habe ich davon gehört, als ich mit einem amerikanischen Freund geredet habe. Erst dachte ich, ich hätte mich verhört, da mir der Begriff „Workism“ fremd in diesem Kontext unserer Unterhaltung erschien. Vor allem als er mir erzählte, dass einige diesen Trend sogar als Religion in Amerika ansehen. Verrückt. Nach ein paar Fragen und Recherchen, hat es mich einfach in den Fingern gejuckt, diesen Artikel für Sie zu schreiben.

Was ist Workism?

Workism ist die Vorstellung, dass Arbeit mehr ist als nur eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen. Stattdessen wird sie als Kern der Identität und des Lebenssinns eines Menschen angesehen, als ein Weg, Zufriedenheit und Erfüllung zu finden. Mit anderen Worten, es ist so etwas wie die Anbetung der Arbeit.

Die Wurzeln des Workism lassen sich bis zum, seit langem bestehenden, American Dream zurückverfolgen, der Vorstellung, dass man nur dann in den Genuss von materiellem Reichtum und Erfolg kommt, wenn man hart arbeitet und sein Bestes gibt. Workism geht an dieser Stelle noch einen Schritt weiter und verspricht einem nicht nur materiellen, sondern auch emotionalen und spirituellen Erfolg.

Für viele ersetzt der Workism den traditionellen Glauben (Work hard, play hard), der in den USA auf dem Rückzug ist. Die Workism-Bewegung hat sich generationenübergreifend ausgebreitet und lässt sich vor allem bei Millennials finden.

Sie ist zu einer solchen Besessenheit geworden, dass ganze 95 Prozent der Jugendlichen, die an einer Pew Research-Studie teilnahmen, „einen Job oder eine Karriere zu haben, die ihnen Spaß macht“ an die Spitze der Liste der „extrem oder sehr wichtigen“ Dinge setzten, die man als Erwachsener haben sollte. Der Bericht untersuchte übrigens die Angst der Jugend in der Pandemie-Zeit.

Workism als Religion

Anfang 2019, wird der amerikanische Journalist Derek Thompson dieses Phänomen in einem Artikel über „Workism“ aufgreifen. Dieser unterscheidet sich vom Workaholics, bei dem eine Person süchtig nach Arbeit wird. „[Es] ist die Überzeugung, dass Arbeit nicht nur für die wirtschaftliche Produktion notwendig ist, sondern auch das Herzstück der eigenen Identität und des eigenen Lebenssinns“, schrieb Thompson, „und die Überzeugung, dass jede Politik zur Förderung des menschlichen Wohlergehens immer mehr Arbeit fördern muss.“

Hier geht’s zum Original Artikel von Derek Thompson.

Der Artikel prägte nicht nur eine Phrase: Er traf den Nerv von Millionen von Arbeitnehmern, die sich frustriert, ängstlich und sogar deprimiert fühlen, angesichts des gesellschaftlichen Drucks, einen Job zu finden, den sie lieben und von dem sie erwarten, dass er sie nicht nur mit Geld belohnen wird, sondern auch mit einem Gefühl von Gemeinschaft, Sinn und Transzendenz.

Achtung! Ein nüchterner Blick schützt vor Enttäuschung

Betrachten wir das Ganze mal mit einem Nüchternen Blick: Arbeit wurde als Mittel zum Geldverdienen konzipiert, nicht um den Sinn des Lebens zu finden. Eine der Gefahren bei dem Versuch, die Arbeit sinnvoll zu gestalten, besteht darin, dass die meisten Arbeiten einfach nicht sinnvoll sind. Es ist Arbeit und im Allgemeinen etwas, das man wahrscheinlich nicht tun würde, wenn man nicht dafür bezahlt wird.

Wenn Menschen ihr ganzes Leben der Arbeit widmen und etwas anbeten, von dem sie tatsächlich entlassen werden können, bereiten sie sich auf einen schmerzhaften Sturz vor, wenn der Markt nicht hält was er verspricht. Und das Verhalten des Marktes entzieht sich der Kontrolle des Einzelnen. Laut Gallup sind fast 90 % der Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz nicht engagiert. Es schafft auch eine Kultur des Elends, was vielleicht erklärt, warum Angstzustände und Depressionen in den letzten 40 Jahren erheblich zugenommen haben.

„Sinnvolle“ Jobs sind gesättigt

Die Arbeitsplätze, die in gewisser Weise sinnvoll erscheinen oder von der breiten Masse als sinnvoll empfunden werden, sind gesättigt mit Menschen, die ihren Lebenssinn in ihrer Arbeit suchen. Dadurch entsteht ein großes Angebot an Menschen, die sich für diese Art von Arbeit interessieren, was zu einer geringen Nachfrage und noch geringerer Bezahlung führt. Das führt dazu, dass „sinnvolle“ Arbeit zu den am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten überhaupt gehört, es sei denn, man ist der Eigentümer des Unternehmens oder hat eine hohe Position, um ein gutes Gehalt zu bekommen.

Aber sind wir doch mal ganz erhlich, die meisten Menschen sind am glücklichsten, wenn sie ihren Hobbys nachgehen oder Zeit mit Familie und Freunden verbringen – und nicht hinter einem Schreibtisch festsitzen und nach dem Sinn des Lebens suchen.

Den Sinn in allem finden, was Sie tun

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Sie Ihrer Arbeit einen Sinn geben; und nicht das die Arbeit Ihnen einen Sinn gibt. Ganz gleich, was Sie beruflich tun, Sie können immer die Bedeutung schaffen, die Sie wollen. Auch wenn dieser Gedanke manchen als kontrovers erscheinen mag, werden Sie bei genauerer Betrachtung feststellen, dass er wahr und zutreffend ist.

Je nach der Einstellung einer Person könnte es mehr Sinn machen, Klempner oder Techniker zu sein, als Film-Produzent oder Film-Star. Denn was verändert das Leben eines Menschen mehr? Einen großartigen Film zu sehen oder den Heizofen reparieren zu lassen, damit man im Winter wieder heizen kann?

Die meisten Menschen würden zustimmen, dass die Reparatur des Ofens für sie sinnvoller ist, da sie den ganzen Winter über davon betroffen sind. Mit ganz gewöhnlichen Dingen kann man im Leben der Menschen einen großen Unterschied bewirken. Das ist das fehlende Element in der heutigen Denkweise über Arbeit. Vor allem Millennials erkennen nicht, dass SIE ihre eigene Bedeutung in dem, was sie tun, schaffen.

Meine Arbeit als Blogger und Gründer ist für mich sehr sinnvoll. Sie macht mir Spaß, ich bin leidenschaftlich dabei, und ich bin sehr dankbar, dass ich sie ausüben kann. Aber sie ist nicht meine einzige Quelle der Freude oder die einzige Möglichkeit, Erleuchtung im Leben zu finden. Und wie jede Arbeit kann sie manchmal eine Quelle von Frustration, Stress und Unbehagen sein. Das ist die Natur der Realität, in der wir leben. Nichts ist perfekt, jeder Job hat seine Nachteile und Schattenseiten. Die Einstellung und die Perspektive, die man in diesen Bereichen einnimmt, entscheiden darüber, wie viel Freude man an seiner Arbeit hat oder nicht.

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