Der erste Eindruck entsteht in Sekunden, lange bevor das erste Wort gesagt wird. HR-Manager und Recruiter fällen in den ersten Sekunden eines Gesprächs erste Einschätzungen, die sie im Laufe des Gesprächs kaum mehr revidieren werden. Kleidung ist also alles andere als ein oberflächliches Detail. Kleidung ist ein soziales Signal. Sie signalisiert Professionalität, kulturelles Verständnis und die Fähigkeit, Signale zu lesen.
Bewerber stellen sich hier also die ganz konkrete Frage: Welche Kleidung ist die richtige? Und wie stark differieren die Erwartungen je nach Branche?
Kleiderordnungen im Recruiting variieren von Branche zu Branche
Die Kleidungserwartungen im Recruiting haben wenig mit einheitlichen Normen zu tun. In der Finanzdienstleistung oder im Recht, in der klassischen Unternehmensberatung gilt noch ein strenger Dresscode. Ein Anzug für Herren in gedeckten Farben wie Anthrazit, Marine oder Grau gehört hier zur Grunderwartung, nicht zur Überperformance. In diesen Kontexten wird Kleidung als Signal für Verlässlichkeit und Können interpretiert. In Tech-Konzernen, Kreativbüros oder Start-ups ist das ganz anders. Ein zu förmlicher Auftritt kann hier sogar nach hinten losgehen, sofern er nicht zur Unternehmenskultur passt. Hier ist man mit Smart Casual, etwa Hemd und Chino, meist auf der sicheren Seite. Den mittleren Formalisierungsgrad erreichen wir im öffentlichen Dienst und in pädagogischen Berufen. Gepflegte, zurückhaltende Kleidung ohne große, auffällige Accessoires oder Logos wirkt seriös, ohne distanziert zu erscheinen.
Klassische Kleidungsfehler im Vorstellungsgespräch und was sie bedeuten
Und neben der Frage, was man anziehen soll, ist für Bewerber natürlich auch wichtig, welche Fehler in der Praxis so vorkommen und wie Recruiter sie deuten:
- Zu lapidare Kleidung in der falschen Umgebung: Recruiter schließen daraus häufig, dass die Unternehmenskultur nicht gründlich genug recherchiert wurde.
- Überfrachtete oder ablenkende Kleidung: Krasse Muster, grelle Farben und große Logos lenken ab und stören das Gespräch. Kleidung sollte unterstützen und nicht überdecken.
- Nachlässiger Umgang mit der Pflege: Wirkt ein Outfit zerknittert, schmuddelig und sitzt nicht gut, so wird dies mit nicht guter Arbeit gleichgesetzt. Fit und Zustand sind mindestens genau so wichtig wie der Stil selbst.
- Nicht übereinstimmende Vorstellung von Stil und Rolle: Ein Bewerber auf eine Führungsstelle hat es schwer, Kompetenz und Autorität auszustrahlen, wenn er nicht den Anschein erweckt, dazuzugehören, selbst wenn seine Antworten inhaltlich korrekt sind.
HR-Teams, die Bewerber durch Karriere-Events und Kennenlerngespräche begleiten, empfehlen deshalb, das Thema Kleidung frühzeitig und nicht als nachgelagerte Entscheidung zu behandeln.
Der psychologische Effekt von Kleidung auf die Wahrnehmung
Der psychologische Effekt von Kleidung auf Beurteilungen ist bestens dokumentiert. Das Thema „Enclothed Cognition“wurde durch eine Studie der Psychologen Hajo Adam und Adam Galinsky bekannt. Die Forschung zeigt, dass Kleidung nicht nur die Wahrnehmung anderer beeinflusst, sondern auch das eigene Auftreten und die eigene kognitive Leistung. Wer sich gut gekleidet fühlt, tritt selbstsicherer auf.
Für den Recruitingkontext bedeutet das: Kleidung ist kein Schönheits- oder Stylesujet. Wer sich nicht ausreichend um seine Kleidung kümmert, wird als unvorbereitet und desinteressiert wahrgenommen.
Wie Unternehmen Dresscode-Erwartungen kommunizieren sollten
Die meisten Unternehmen verlassen sich darauf, dass Bewerberinnen und Bewerber die branchenspezifischen Normen kennen. Das ist gefährlich. Gerade Quereinsteiger, Berufsanfänger und internationale Kandidaten könnten mit diesen Normen auf dem Kriegsfuß stehen oder sie gar nicht kennen.
Proaktive Kommunikation lohnt sich. Kurze Hinweise zum erwarteten Kleidungsstil in der Einladung zum Interview nehmen Unsicherheit auf Bewerberseite und fördern die Gesprächsatmosphäre. Das signalisiert zudem einen respektvollen, transparenten Umgang, was immer stärker als Bestandteil der Candidate Experience gewertet wird.
Dresscode im Videointerview: Andere Regeln, gleiche Bedeutung
Die Beliebtheit von Remote-Bewerbungsgesprächen hat dem Dresscode nicht den Garaus gemacht, sie hat ihn verlagert. Für das Videointerview gelten eigene Regeln, die viele Bewerber unterschätzen:
- Farbwahl beachten: Feine Muster wie Karos oder eng eingewebte Streifen können auf dem Bildschirm flimmern. Einfarbige, mittlere Farbtöne sind zu empfehlen, da sie bei wechselnden Lichtverhältnissen stabiler wirken.
- Oberkörper in den Blick nehmen: Da beim Videointerview häufig auch nur Schultern, Oberkörper und Gesicht zu sehen sind, können Details wie ein offener Hemdkragen oder fehlende Struktur im Oberteil stärker auffallen als im Face-to-face-Gespräch.
- Technik im Vorfeld checken: Schlechtes Licht und eine wackelige Kamera können selbst bei einer gepflegten Erscheinung für die falsche Wirkung sorgen. Kameraposition und Lichtquelle gehören zur Vorbereitung.
Für HR-Teams, die Interviewleitfäden erstellen, ist es wünschenswert, auch für die Videoformate eine kurze Empfehlung zur Kleidung zu integrieren. Das standardisiert die Gesprächsbedingungen und vermindert Störvariablen bei der Bewerberbewertung.










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